aktuell

 

 

Einführung zur Komposition „Magnificat“ Op. 35 von Timo Handschuh

Seit je her ist der altehrwürdige Text des Magnificat von hoher Bedeutung, wurde er in der Musikgeschichte doch unzählige Male vertont. Dabei stoßen wir auf große Schöpfungen aus dem Barock (Monteverdi, Purcell, Bach), der Klassik und frühen Romantik (Schubert, Mendelssohn, Bruckner und Gounod) bis in unsere Zeit hinein (Penderecki, Pärt und Rutter). Was fasziniert an diesem Text, der längsten im neuen Testament zitierten wörtlichen Rede Marias? Dieser Lobgesang ist für mich kein öffentlicher, extrovertierter Jubel, sondern vielmehr ein Gebet, eine innere Meditation Marias, die so vieles in ihrem Herzen bewegt. Dieser Jubel ist nicht minder fröhlich, es schwingt Dankbarkeit mit, Vertrauen und gleichermaßen Staunen über das ganze Mysterium, das an ihr geschehen ist.

Als Reminiszenz an die historische Kirchensprache erklingt nur der erste Vers „Magnificat anima mea Dominum“ in Latein, alle restlichen Verse sind in Deutsch vertont. Für die große Ruhe und auch Bescheidenheit Marias stehen viele Sätze des Werkes in „einfachen“ Tonarten, C-Dur, F-Dur, g-Moll oder D-Dur. Komplexe Harmonik oder Rhythmik tritt zurück zugunsten einer Klarheit in Form und Ausdruck. Die Chorsätze sind anfänglich tief gehalten, um dieses „warme piano“ zu erzeugen, werden dann aber Stück für Stück nach oben steigen, jubeln und brillieren. Niemals aber entsteht ein hellstes Strahlen, wie wir es vom Barock her kennen: es sind eher die warmen, gedeckten Farben, ajoutéierte, kolorierte Akkorde, die immerfort einen Wohlklang in einer Natürlichkeit der Harmonik vermitteln wollen.

Der Solo-Sopran der Maria (wie wunderbar, dass sie hier bei der Uraufführung auch tatsächlich Maria heißt!) komplettiert die Chorsätze, antwortet oder liegt mit einer Überstimme noch darüber. Bevor sich das Werk mit der Musik des Anfangs wieder schließt, kommt es für mich zum „heiligsten“ Moment aller überlieferten Verse: „das er unsern Vätern verheißen hat / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ spricht uns direkt an: wir, alle Nachkommen sind jetzt gemeint. In einer völligen Reduziertheit, wieder in schlichtem a-Moll (das zu C-Dur gehört und also keine natürlichen Vorzeichen hat), singt Maria diesen Doppelvers, nur begleitet von der Harfe und liegenden Streicherakkorden im pianissimo. Man hört jede Silbe, jeden Laut, spürt den Atem Marias. Eben weil es mir so wertvoll ist, erscheint es hier nicht in opulentem, vielstimmigen Gewand, sondern genau im Gegenteil: schlicht und meditativ schreitend.

Lautmalerisch sind nur Kleinigkeiten zu erwähnen, das „Ewig“ hier tatsächlich auf dem Ton E und sechs Takte lang ausgehalten, die Chordamen beim Wort („und erhöht die...) Niedrigen“ sehr tief, bei „erhöht“ natürlich genau das Gegenteil. Der zu vertonende Text, im besonderen die kürzeren Verse davon, bekommt durch eine extrem gesangliche Melodieführung tiefen Gehalt, die verschiedensten Themen und Motive sind über das ganze Werk immer wieder verteilt, werden verarbeitet oder leuchten in der Erinnerung auf. Somit entsteht ein geschlossenes Ganzes, tonale farbige Musik, die den Text wieder beleben, uns neu vor Augen und Ohren bringen möchte. Möge Sie meine Musik und dieser bedeutende Text berühren!