Albrecht Haupt

ist ein Vollblutmusiker. Aufgewachsen in Jena, studierte er zunächst in seiner Heimatstadt, danach an der Universität Leipzig Musikwissenschaft und Kunstgeschichte, später Orgel und Dirigat an der Leipziger Musikhochschule. In Stuttgart, Esslingen und Tübingen setzte er seine Studien fort. Er wurde 1958 Bezirkskantor an der Martin-Luther-Kirche in Ulm. Seit 1959 leitet er die Ulmer Kantorei. Albrecht Haupt wurde 1969 zum Kirchenmusikdirektor (KMD) ernannt. 1976 gründete er den Ulmer Universitätschor. 1991 verlieh ihm die Universität Ulm den Titel Universitätsmusikdirektor (UMD). Am 17.09.2010 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

 

 

Geburtstagskonzert: Mit 85 dirigiert Albrecht Haupt die Ulmer Kantorei

Er ist eine Institution im Ulmer Musikleben: Albrecht Haupt dirigiert die Ulmer Kantorei und den Universitätschor - auch mit bald 85 Jahren. Und er sagt: "Es gibt noch so viele unbekannte Musik zu entdecken!"

Südwestpresse Jürgen Kanold 05.12.2014

Herr Haupt, andere Menschen feiern Geburtstag mit Kaffee und Kuchen, Sie dirigieren am Sonntag ein Konzert . . .
ALBRECHT HAUPT: Das hat sich so ergeben, das war der einzige freie Termin in der Pauluskirche für die Ulmer Kantorei in der Vorweihnachtszeit. Aber warum nicht? Das ist ein schönes Geschenk, das man sich selber macht.

Weshalb haben Sie dieses Programm ausgewählt?
HAUPT: Das Magnificat von Bach ist ein großartiges Werk, das ich vor zehn Jahren letztmals dirigierte, höchste Zeit, es wieder aufzuführen. Das, was Bach in anderen Oratorien in mehreren Stunden ausbreitet, ist im Magnificat in nur 30 Minuten drin: ein unglaublich konzentriertes Stück Musik.

Was ist das für ein biblischer Lobgesang der Maria?
HAUPT: Dietrich Bonhoeffer schrieb über dieses älteste adventliche Lied, dass nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria dargestellt werde, sondern es sei "die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte" Maria, die da spreche. Bonhoeffers Sätze haben mir großen Eindruck gemacht. Und wie dann bei Bach der Eingangschor gleich losschmettert!

Zuvor erklingt im Konzert der Ulmer Kantorei das Werk eines Bach-Sohnes: "Die Kindheit Jesu". Was hat Johann Christoph Friedrich vom Vater gelernt?
HAUPT: Das ist ein schönes, eher liebliches Chorwerk, aber sehr gekonnt ausgeführt. Johann Christoph Friedrich Bach gilt vor allem in der Kammermusik als ein Wegbereiter der Klassik. Man merkt, dass die Söhne Bachs durch eine strenge Schule gegangen sind, aber etwas anderes machen wollten. Johann Christian Bach etwa sagte: "Ich wusste, dass ich nie meinen Vater erreichen kann, deshalb habe ich einen neuen Stil angefangen."

Vater und Söhne Bach - da denkt man dann auch an Vater und Sohn Haupt . . .
HAUPT: (lacht) Die Frage musste kommen . . .

Werden Sie oft gefragt, ob Ihr Sohn Manuel in die Fußstapfen des Vaters treten wolle?
HAUPT: Ja, manche Leute sagen: Sie haben sich ja einen guten Nachfolger herangezogen.

Was hat denn nun Vater Haupt dem Sohn mit auf den Weg gegeben?
HAUPT: Nichts Spezielles, Manuel hat von klein auf im Chor mitgesungen, er hat die Musik erlebt. Er ist ein sehr guter Dirigent geworden, doch er hat einen anderen Stil. Der Kammerchor, den er an der Universität gründete, entwickelt sich prächtig. Ich nehme alle Leute in meine Chöre auf, die gerne singen, und versuche, daraus eine typische Klangfarbe zu bilden. Er lässt vorsingen, die Sänger müssen üben. Ich bin da breiter aufgestellt.

Auch mit bald 85 Jahren leiten Sie neben der Ulmer Kantorei noch den Universitätschor mit rund 100 Sängerinnen und Sängern. Ist das Dirigieren so etwas wie ein Lebenselixier?
HAUPT: Wahrscheinlich. So lange so viele Menschen mit mir musizieren möchten, muss ich das tun. Und es gibt ja noch so viele interessante Werke zu entdecken! Ich bin ungebrochen neugierig.

Was haben Sie für Pläne, was möchten Sie noch gerne dirigieren?
HAUPT: Dekanatskantor Andreas Weil und ich sind beide große Reger-Fans - und 2016 ist das Reger-Jahr mit dem 100. Todestag des Komponisten. Wir Kirchenmusiker sprechen viel darüber, was wir machen könnten. Der "100. Psalm" wäre natürlich ein absoluter Höhepunkt, aber das Werk ist sauschwer, bedarf eines Riesenorchesters, und das ist teuer. Paul Hindemith hat zwar eine ausgedünnte Orchesterfassung vorgelegt, aber auch für den Chor wäre das eine enorme Aufgabe. Ganz toll wären auch die "Faust"-Szenen von Robert Schumann, die werden fast nie aufgeführt. Aber solche Projekte sind jedesmal eine Herausforderung, und das geht schon damit los, ob ich zum Beispiel sechs oder nur fünf 1. Violinen im Orchester finanzieren kann.

Was antwortet ein Musiker mit Ihrer Lebenserfahrung auf die Frage, ob früher alles besser gewesen sei?
HAUPT: Darüber denke ich oft nach, ich glaube, die Konzertbesucher sind heute auf wenige Werke fixiert. Aber es gibt ja so interessante Musik! Ich lehne es ab, immer die gleichen Werke zu dirigieren, versuche, immer wieder etwas Unbekanntes zu bringen - was die Zuhörer dann doch begeistert. So war etwa Arthur Honeggers Oratorium "König David" ein großer Erfolg. Was ist eigentlich moderne Musik? "König David" wurde 1923 uraufgeführt!

Nur sechs Jahre vor Ihrer Geburt.
HAUPT: Ich lasse bei solcher Musik nicht locker, weil ich weiß: Sie gefällt den Zuhörern - wenn sie denn ins Konzert kommen.


Foto: Oliver Schulz

 


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